Ich bin, wie gesagt, über Tagebuchpassagen von Lehndorffs in Echolot von Walter Kempowski gestoßen, dem aus meiner Sicht besten, größten und umfangreichsten Buch, das ich kenne.
Hans von Lehndorff beschreibt hier, was er ab August 1944 bis Mitte 1946 in Ostpreußen erlebt. Er war dort Arzt und seine Mutter saß im Knast, u.a. wegen Nähe zu der Gruppe um Stauffenberg. Dann stießen die Russen bis an die Memel vor, ruhten sich drei Monate aus, umschlossen Ostpreußen und stießen weiter bis Berlin vor.
In Ostpreußen geschahen böse Dinge beim Einzug der Russen. Das Argument, dass die Deutschen es verdient hätten, erwähnt von Lehndorff sogar selbst, in der Aussage eines polnischen Bürgermeisters kurz vor Ende, als alle Deutschen nach Westen abstransportiert wurden. Das Problem: in Summe schon, aber die, die es hier trifft, sind nicht schuldig an dem, was, allen Deutschen vorgeworfen wird.
Ich verstehe auch, warum das Buch in Ostdeutschland verboten war: es wird deutlich geschildert, was russische Soldaten vor allem den Frauen antaten. Was aber viel mehr verwundert, ist die völlige Planlosigkeit, sich um die Zukunft zu sorgen: die Russen arbeiten gegen die Polen und kümmern sich nicht um die Deutschen, die Polen arbeiten gegen die Russen, wo sie können. Keiner kümmert sich um die Zukunft, um die Felder, ums Essen für den Winter. Wenn, dann kümmern sich Frauen eher darum, was es künftig zu essen gibt. Die Männer kümmern sich eher darum, Schnaps zu brennen.
Bei den russischen Soldaten mag die Sorglosigkeit daran liegen, dass sie jederzeit weiter kommandiert werden können. Aber irgendjemand weiter oben müsste sich ja auch darum kümmern, die Truppe im Winter zu versorgen, und die besetzten Gebiete auch? Macht aber anscheinend niemand.
Schön gegen Ende die Beschreibung der Mutter, voller Lieber und dabei so präzise, daß man sie vor sich sieht. Lehndorff schreibt insgesamt sehr schön, finde ich.