Flauschbuch reviewed Effingers by Gabriele Tergit
Ein wichtiges Buch
4 stars
Ich habe das Buch im April zu Ende gelesen, aber nichts dazu geschrieben, weil ich es schwierig zu bewerten finde. Es werden 3 Generationen zweier Familien beleuchtet, die durch Heirat zusammen kommen. Die eine stammt aus der süddeutschen Provinz aus dem Milieu kleiner Handwerker und Kaufleute (eine jüdisches Milieu, das heute fast vergessen ist), die andere ist eine großbürgerliche Bankiersfamilie aus Berlin, in der alten Generation dem Liberalismus und den Idealen von 1848 verhaftet. Konflikte sind da vorprogrammiert. Die Menge an Figuren und die lange Zeitspanne des Romans (von der Gründerzeit bis kurz nach dem 2. Weltkrieg) bringt es mit sich, dass das Buch zum Einen sehr lang ist, zum Anderen die Charakterisierung der Figuren oft eher skizzenhaft ist. Das scheint allerdings auch ein bisschen Tergits Stil zu sein (ich habe damit auch schon bei "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" gehadert). Ich fand die historischen und soziologischen Hintergründe der Handlung so …
Ich habe das Buch im April zu Ende gelesen, aber nichts dazu geschrieben, weil ich es schwierig zu bewerten finde. Es werden 3 Generationen zweier Familien beleuchtet, die durch Heirat zusammen kommen. Die eine stammt aus der süddeutschen Provinz aus dem Milieu kleiner Handwerker und Kaufleute (eine jüdisches Milieu, das heute fast vergessen ist), die andere ist eine großbürgerliche Bankiersfamilie aus Berlin, in der alten Generation dem Liberalismus und den Idealen von 1848 verhaftet. Konflikte sind da vorprogrammiert. Die Menge an Figuren und die lange Zeitspanne des Romans (von der Gründerzeit bis kurz nach dem 2. Weltkrieg) bringt es mit sich, dass das Buch zum Einen sehr lang ist, zum Anderen die Charakterisierung der Figuren oft eher skizzenhaft ist. Das scheint allerdings auch ein bisschen Tergits Stil zu sein (ich habe damit auch schon bei "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" gehadert). Ich fand die historischen und soziologischen Hintergründe der Handlung so interessant, dass ich dabei geblieben bin. Man kann die Veränderung der Moral, der Möglichkeiten für Frauen aber auch von Geschäftsgebahren über die Generationen mitverfolgen. Sobald es um Tergits eigene Generation geht, ändert sich der Erzählstil, die Charaktere bekommen mehr Tiefe. Ich konnte den Schmerz über die Hinwendung früherer Freunde und Kolleginnen zum Antisemitismus in der Weimarer Zeit mitfühlen. Die Geschichte wird dann bis zum bitteren Ende erzählt. Das Ende fand ich sehr bewegend.
Die Ausgabe, die ich gelesen habe, enthält noch ein Nachwort zur Entstehung und Publikationsgeschichte. Nach dem Krieg wollte niemand in der Bundesrepublik dieses Buch verlegen. Einige der Absagen sind wirklich dreist. Es konnte dann doch noch 1955 erscheinen. Auch deswegen sollte es erst recht gelesen werden. Es ist nicht unbedingt ein schönes oder literarisch herausragendes Buch, aber ein wichtiges.