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Da die moralische Reflexion bei Kant überhaupt erst mit "der" Maxime ansetzt, werden die eigentlichen Grundlagen des Handelns ausgeklammert: wie man sein Tun und Lassen überhaupt versteht, wie man es beschreibt und welche ethischen und moralischen Gesichtspunkte der Bewertung in diese Beschreibung eingehen. Wo man sich in erster Linie als Mitglied einer Volksgruppe, einer religiösen Gemeinschaft oder Familie versteht, wird das, was in einem modernen Rechtssystem unter die Kategorie des Diebstahls fallen würde, eventuell ganz anders beschrieben und bewertet, abhängig davon, ob es in der eigenen Gemeinschaft oder Familie vorkommt oder bei Fremden. Kants Ansatz suggeriert die Möglichkeit, solche Normen unter allgemeingültigen Gesichtspunkten kritisieren zu können, bietet sie aber nicht wirklich an, da er nicht vorschreiben kann, wie detailliert die Beschreibung der Handlungseigenschaften ausfallen darf, die der Maximenbildung zugrunde liegt, was in sie eingehen darf und was nicht. Der kategorische Imperativ eignet sich nicht als Matrix für eine Kritik der Sitten, da er nur die Verallgemeinerbarkeit von Maximen ausdrückt, in die schon gewisse in ihrer Reichweite begrenzte normative Unterscheidungen und Wertungen eingegangen sind.

Scham, Schuld, Verantwortung by  (Page 50 - 51)